Archiv der Kategorie 'Älteres'

Was auf den Tisch kommt

Der Schmerz schlug schlagartig um von kaum noch auszuhalten zu wirklich unerträglich, als sich das Metall begann sich in seine Schläfe zu bohren. Dafür, dass die Schläfe sich ja eigentlich weicher anfüllt als der Rest des Schädels, war das Knacken doch verdammt laut. Jedenfalls in seinen Ohren. Er wäre so gerne ohnmächtig geworden, aber irgendeine widerwärtige Apparatur verhinderte es. Er spürte wie sein Blut heiß seine Wange hinunterlief und er wünschte sich, es würde direkt in seinen Mund laufen. Er wusste zwar nicht wieso, aber der Geschmack seines eigenen Blutes interessierte ihn in jenem Moment mehr als andere oder zumindest mehr als, was mit ihm geschah. Das wollte er gar nicht wissen. Es reichte ihm völlig, darauf zu vertrauen, dass die Bastarde, die ihn vergangene Nacht geholt hatten es schon wussten, auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass es irgendetwas mit Schmerz, seinem Schmerz zu tun hatte. Was sollte er sich darüber auch Gedanken machen? Daran ändern konnte er so oder so nichts. Zum einen hatten sie ihn an einem Metalltisch festgeschnallt und zum anderen, quasi als Rückversicherung, hatten sie ihm noch Arme und Beine gebrochen. Alles ganz professionell, fast mit klinischer Präzision, mit gezielten Schlägen auf die Gelenke, jedes Gelenk nur ein Schlag. Wenn es nicht so irrsinnig wehgetan hätte, hätte man fast glauben können, sie hätten versucht zu vermeiden ihm Schmerzen zuzufügen. In Wahrheit waren ihnen seine Schmerzen natürlich scheißegal. Ihnen ging es nur um Effektivität. Aus irgendeinem Grund wollten sie ihn aber nicht gleich umbringen. Irgendetwas hatten sie mit ihm vor. Nur was? Er spürte wie sich ein Druck auf seinen linken Augapfel aufbaute. Der Bohrer musste bald die Augenhöhle erreicht haben, und noch immer ronn das Blut an seinem Mund vorbei und tropfte völlig sinnlos auf den Boden. Seine Augenlieder hatten sie mit Metallklammern so fixiert, dass er seine Augen nicht schließen konnte, aber gleichzeitig war sein Kopf durch eine Apparatur so befestigt, dass er nur geradeaus sehen konnte. Lediglich durch bewegen der Augen konnte er etwas von dem erspähen, was links und rechts von ihm vor sich ging, aber was er da sah half ihm auch nicht weiter. Da waren Menschen in weißen Kitteln, wieviele wusste er nicht, und da waren Kabel und Lichter und Geräte und Schmerzen und Angst und irgendeine Scheißchemikalie, die sie in seinen Körper pumpten, die verhinderte, dass er das Bewusstsein verlieren konnte. Er würde so gerne schreien, aber sie hatten seine Stimmbänder durchtrennt. Er würde so gerne demjenigen, der für all das verantwortlich ist, in die Fresse schlagen, aber weder konnte er seine Hände bewegen, noch irgendein Gesicht erkennen. Er könnte vielleicht noch versuchen, ein wenig Würde zu bewahren, aber irgendwie hatte die ziemliche Gewissheit, dass von der nicht mehr viel übrig geblieben war bei all den Schläuchen und Drähten, die in seinem Körper steckten. Hatte man noch so etwas wie Würde, wenn einem alle Zähne einzeln gezogen und danach in einer Blechdose in den Bauch eingenäht wurden? Warum zur Hölle war er hier? Was sollte das alles? Was hatte er getan? Die Schmerzen machten ein klares Denken unmöglich. Als der Bohrer in seinem Augapfel eindrang, sah er plötzlich klar. All das war ein Akt der Liebe. Irgendjemand liebte ihn und wusste keinen anderen Weg, es ihm zu zeigen. Seine Lippen formten ein Lächeln, und er umarmte den Schmerz. Der Bohrer wühlte sich durch sein Gehirn und alle Lichter gingen aus. Alles war gut.

Dritte Staffel, letzte Folge

Die Treppe runter und raus. Dieses letzte mal vielleicht etwas langsamer als sonst, doch der Sog ist unwiderstehlich. Durch die Tür und weg. Wände gestrichen mit unausgesprochenen Liebesschwüren. Manche Menschen können manche Menschen einfach nicht glücklich machen. Noch ein Blick nach oben. Irgendeine Metapher mit Tränen. Tür auf. Tür Zu. Grauer Himmel. Viel zu kalt. Kein Auf Wiedersehen. Nie Wieder.

Seitenwechsel

Seit er weg ist, ist sie völlig durch den Wind. In den vergangenen drei Wochen hat sie keine Nacht wirklich durchgeschlafen. Mehr als einmal hat sie gar kein Auge zu bekommen. Im Büro starrt sie dann manchmal eine Stunde auf den Bildschirm ohne auch nur eine Taste zu berühren. Sie starrt auf den Schirm bis ihre Augen brennen. Sie starrt auf den Schirm und sie sieht sein Gesicht. Er lächelt. Er lacht. Er ist glücklich. Glücklich mit ihr. Nicht nur das. Er ist glücklich ohne sie. Ohne sie! Und was ist mit ihr? Ist sie ihm denn total egal? Für sie bricht eine Welt zusammen, ihre Welt, seine und ihre. Die Welt, die sie sich zusammen so mühsam aufgebaut haben, und er trampelt einfach darauf herum, reißt alles ein, lässt alles stehen und liegen und verschwindet. Sie hatten doch eine Zukunft. Sie hatten doch Träume. Sie hatten doch Pläne! Sie hatten doch alles, was sie brauchten, denn sie hatten sich. Reicht ihm das jetzt nicht mehr? Bedeutet ihm all das denn gar nichts mehr? Hat es ihm überhaupt je etwas bedeutet? Wie kann er das alles einfach so vergessen? Wieso will er das alles einfach so vergessen? Sie kann es nicht vergessen und sie will es eigentlich auch gar nicht, und selbst wenn sie es wollte, sie könnte es nicht. Überall wo sie hinsieht, sieht sie ihn. Das Regal, das sie zusammen angeschraubt haben. Die Vase, die er ihr geschenkt hat. Das Sofa, auf dem sie gelegen haben. Das Bett, das sie geteilt haben. All das ist noch da, doch es wirkt alles so falsch ohne ihn. Es ist alles nicht komplett ohne ihn. Er fehlt. Er fehlt an allen Ecken und Enden, und vor allem fehlt er ihr. Sie fühlt sich so alleine. Sie fühlt sich so leer. Sie will auch ihre Freunde nicht mehr sehen, denn in jedem Gesicht erblickt sie ihn. Jedes Paar Augen hat doch auch ihn schon mal erblickt, und in ihnen ist noch immer sein schwaches Spiegelbild zu erkennen. Zumindest sieht sie es. Jedesmal wenn das Telefon klingelt, rutscht ihr Herz in die Hose, weil sie hofft, es sei er. Jedesmal wenn es an der Tür läutet, hält sie den Atem an, weil sie hofft, es sei er. Doch sie nimmt niemals ab, sie macht niemals auf. Sie sitzt einfach da und ihre Augen werden feucht. Sie sitzt einfach da und ihre Hände fangen an zu zittern. Meistens ist es nach ein paar Minuten wieder vorbei, manchmal aber auch nicht. Manchmal dauert es die ganze Nacht, manchmal noch länger. Ihre Periode ist ausgeblieben. Aber das heißt nicht das eine. Sie hat nur seit Wochen fast gar nichts mehr gegessen und das, was sie gegessen hat, hat sie meistens nicht bei sich behalten können. Sie hat abgenommen, mehr als auch nur annähernd gesund wäre. Ihre Haut hat jegliche Farbe verloren. Ihre Augenringe sind größer als ihre Augen. Sie hat wieder mit dem Rauchen angefangen. Sie weiß, dass es falsch ist, aber sie weiß halt auch, dass es egal ist und es lenkt sie wenigstens einen Moment ab, wenn sie die Zigaretten auf ihren Armen ausdrückt. Sie geht auch nur noch selten ins Büro. Ihr Chef fragt sie schon nicht mehr nach einem Kankenschein. Keiner traut sich sie anzusprechen. Sie ist wie ein Gespenst. Aber Gespenster sind doch rastlose Seelen, die noch irgendwas zu erledigen haben auf der Welt, auf die noch etwas wartet. Auf sie wartet nichts mehr, nur noch der Tod und was, noch schlimmer ist, die Einsamkeit. Vielleicht ist sie schon tot, vielleicht wäre es wirklich besser, wenn sie es wäre. Sie spürt den kalten Stahl zwischen ihren Fingern. Die Rasierklingen hat sie schon vor einer Woche gekauft. Nur für den Fall. Heute hat sie sie ausgepackt. Sie sind so klein, so leicht und so zerbrechlich. Und doch so tödlich, wenn man nur mit ihnen umzugehen weiß. Zwei kleine Schnitte und jeder noch so schnelle Arzt käme zu spät. Der Stahl fühlt sich kalt an auf der Haut ihres Unterarms. Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht.

An Dich

Leg meinen Namen mit den Fingern deiner linken Hand
Schließ mich in Dein Herz und vergrab den Schlüssel dort wo das Meer am tiefsten ist
Sieh mir in die Augen, bis mein Herz vor Glück aufhört zu schlagen
Küss mich so lange, dass es lächerlich ist
Streichel mich bis auf die Knochen
Gravier mir ein Herz auf die Innenseite meines Schädels
Und lass mich nie wieder los

Begräbnis Begräbnis

Winterschlussverkauf. Hoffnung raus zum halben Preis. Wird eh bald verboten. Macht eh nur alle unglücklich. Hinterher. Noch nie enttäuscht worden ist noch niemand. Wir sind alle verletzlich. Achillesferse Wahres Ich. Wenn ich dich wirklich lieben würde, würde ich dir sagen, wie du mich so verletzten kannst, dass ich nicht mehr leben will.